Vom 11. – 13. November 2025 hat eine 15-köpfige Delegation Thüringer LEADER Akteure in Brüssel Gespräche über die Zukunft der Förderung im ländlichen Raum geführt und einen Einblick in die komplexen Strukturen des Europäischen Parlaments und der Kommission erhalten.
Die Zusammensetzung der Reisegruppe hat die Vielfalt der Interessen und Beweggründe für das Engagement im ländlichen Raum unserer LEADER Regionen perfekt abgebildet. Die Teilnehmenden kamen aus den drei Ostthüringer Saale-Regionen sowie aus den Landessprecher-Regionen Sömmerda-Erfurt und Wartburgregion. Mit dabei war auch unsere BAG LAG Vorstands-Vertreterin aus dem Altenburger Land und eine Vertreterin aus dem TMWLLR. Die Gruppe hat ein Altersspektrum von 22 bis 70 abgedeckt und war damit sowohl reich an Erfahrung als auch an jugendlichem Esprit, was die Gespräche intensiv und lebendig gemacht hat.
Als die Fahrt nach Brüssel im Sommer geplant wurde, hatte niemand geahnt, dass die Gespräche mit Personen aus den Generaldirektionen der EU-Kommission sowie mit Abgeordneten des EU-Parlaments am 12. und 13.11.2025 derart brisant und aktuell sein werden. Nachdem die Europäische Kommission Mitte Juli ihren Entwurf für den Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) 2028-2034 vorgestellt hatte, gab es massive Proteste und die Ankündigung einer grundsätzlichen Ablehnung aus dem Parlament. Am 10.11. hatte die Kommissionspräsidentin daraufhin Änderungsvorschläge präsentiert, die unter anderem eine Zielvorgabe für die Förderung ländlicher Räume (Rural Target) enthält. Am 03.11.2025, als Hartmut Berndt (BAG LAG) die Reisegruppe bei einem Treffen in Weimar noch einmal mit den Eckpunkten des Entwurfs zum MFR vertraut gemacht hatte, war daran noch nicht zu denken. Was sich nun mit der Formulierung ‚10% – Zielvorgabe für die Förderung ländlicher Räume‘ sehr gut anhört, erwies sich auf konkrete Nachfrage in den Gesprächen in Brüssel kaum geeignet, um automatisch als positive Meldung für LEADER und andere uns vertraute Programme, wie die Dorfentwicklung, wahrgenommen werden zu können.
Für den ländlichen Raum von besonderem Interesse ist der sogenannte Fonds. Rund 44% der Mittel des MFR sollen hier für ‚National-regionale Partnerschaften‘ eingesetzt werden. 10% der freien Mittel im Fonds abzüglich der Mittel, die für besonders benachteiligte Gebiete (zu denen Thüringen nicht gehört) sollen nach dem Änderungsvorschlag von Ursula von der Leyen nun für regional-territoriale Ansätze verwendet werden. Brüssel wird der Forderung nach Vereinfachung gerecht, indem kaum Vorgaben für die Verwendung der Mittel gemacht werden. Und so kann LEADER, aber auch andere im ländlichen Raum wirksame Förderprogramme wie Dorfentwicklung und Revitalisierung, zur Anwendung kommen, müssen aber nicht! Entscheidend ist lediglich, dass die Mittel – konkret die 10% Rural Target – bei Zuwendungsempfängern im ländlichen Raum ankommen. Bei wem genau und über welchen Kanal ist Brüssel egal. Auch die Erhöhung von Direktzahlungen an die Landwirtschaft würden das Ziel abdecken. In der Tat würde das schlichte Streichen von Förderprogrammen zu weniger Bürokratie führen. Die Europäische Union gibt mit weitreichenden Folgen Steuerungsmöglichkeiten auf und verlagert wichtige förderpolitische Entscheidungen auf die nationale Ebene. In Deutschland wird dann wahrscheinlich in den Bundesländern die Frage zu klären sein, ob es den LEADER Ansatz weiter geben wird oder nicht. Dem ein oder anderen sind in den Gesprächen beunruhigende Zwischentöne aufgefallen, die befürchten lassen, dass hinter den Kulissen hehrer Worte zur Bedeutung des ländlichen Raums grundlegende Entscheidungen schon gefallen sind. Neben dem politischen Willen werden speziell für LEADER aber auch andere Rahmenbedingungen entscheidend sein: der Umfang der für den ländlichen Raum verfügbaren Mittel wird insgesamt deutlich kleiner und der derzeit vom Land getragene Anteil Kofinanzierung wird höher sein. Bisher war LEADER auch deshalb interessant, weil die Förderung zu 80% aus EU-Mitteln abgedeckt war. Künftig soll es hier um 60% oder sogar um 40% gehen.
Klar ist, dass es bei LEADER ab 2028 auf keinen Fall weiter wie bisher nur mit weniger Mitteln laufen wird. Ohne die Sicherstellung einer finanziellen Grundausstattung sind die bestehenden Strukturen und der flächendeckende Ansatz in Frage gestellt. Wir müssen also vor allem weiter daran arbeiten, die Bedeutung von LEADER für die Stärkung der Demokratie und als Bekenntnis zu Europa für die Entscheidungsträger in Brüssel, Berlin und Erfurt greifbar zu machen. Denn: LEADER ist nicht einfach ein Förderprogramm, sondern eine Methode, die es den Menschen in ländlichen Räumen ermöglicht, selbst wirksam zu werden. Eine Investition in das Sozialkapital, die sich leider schwer in Zahlen und Wirtschaftskraft abbilden lässt.
Die Reisegruppe hat noch vor Ort in Brüssel beraten, welche konkreten nächsten Schritte unternommen werden, um im Schulterschluss mit der BAG LAG und wichtigen Akteuren im ländlichen Raum weiter darum zu kämpfen, dass es ein Ring-Fencing, einen vorgegebenen Budgetansatz für LEADER/CLLD geben wird.
Auf der Rückfahrt nach Thüringen sind viele aus der Reisegruppe nachdenklich und verwirrt angesichts der Komplexität des Systems, in dem weitreichende Entscheidungen zur Zukunft ländlicher Räume in ganz Europa getroffen werden. LEADER, in ‚unserer Welt‘ eine maßgebliche Größe, ist im Universum des Haushaltes der Europäischen Union gefühlt, nicht der Rede wert. Im Kopf entsteht das Bild eines Kuchens, um den eine Runde von mehr oder weniger lauten Gruppen steht, die alle ein aus ihrer Sicht angemessen großes Stück abhaben wollen. Bleibt zu hoffen, dass die politischen Entscheidungsträger in Thüringen den Wert aller am Tisch versammelten sieht und deren Wirken in der Bedeutung für den sozialen Frieden, das Miteinander in der Gesellschaft und auch die Zukunft der Kleinstädte und Dörfer im ländlichen Raum in den Blick nimmt.
Zu den Ergebnissen der Reise gehört aber auch eine Fülle an positiven Eindrücken: die Bereitschaft und Offenheit aller Gesprächspartner, die Impressionen aus dem Europäischen Parlament – wir hatten sogar die Gelegenheit, kurz der Parlamentsdebatte beizuwohnen, die Eindrücke vom quirligen Brüssel bei fast frühlingshaften Temperaturen im Herbst und nicht zuletzt der Austausch untereinander im Netzwerk der Thüringer LEADER-Familie.
Großes Lob und Dank an Sven Bermig von der Thüringer Landesvertretung, der dabei geholfen hat, die Kontakte zu den gewünschten Gesprächspartnern zu vermitteln. Wir durften einen Raum der Landesvertretung nutzen und wurden super verpflegt. Sven Bermig hat uns über die gesamte Zeit in Brüssel begleitet.
Mit folgenden Personen konnten wir in Brüssel Gespräche führen:
- Nelly König (Verband der Landwirtschaftskammern)
- Susanne Wander (EKD EU-Vertretung)
- Sven Bermig (Landesvertratung des Freistaats Thüringen in Brüssel)
- Živilė Kazlauskaitė und Iwona Lisztwan (Generaldirektion DG AGRI)
- Michael Schmitz (Deutscher Landkreistag)
- Sabrina Repp (Europaabgeordnete S&D, SPD Mecklenburg-Vorpommern, Vollmitglied im Regionalausschuss des EP)
- Marion Walsmann (Europaabgeordnete EVP, CDU Thüringen, stellvertretendes Mitglied im Agrarausschuss des EP)
- Janos Schmied (Generaldirektion Regionalentwicklung DG REGIO)



